Online Meetings sind anstrengender als Präsenz Meetings und es ist gar nicht so einfach den Fokus zu behalten. Wir schweifen ab, machen nebenbei zehn andere Dinge und fühlen uns dabei völlig unbeobachtet. Woran liegt das?

Die Herausforderungen von Webinaren, Online Meetings oder Workshops sind vielschichtig.

Aus biologischer Sicht, kann man einige davon ganz gut erklären und sich dadurch einiges bewusst machen. Manche Dinge können wir nicht ändern, aber wir können die Herausforderungen wahrnehmen und darauf reagieren.

1. Du bist allein in einem Raum

Die erste und aus meiner Sicht größte Herausforderung ist, dass wir allein in einem Raum sitzen. Das bedeutet die physische Präsenz anderer Personen ist nicht spürbar. Unser Körper reagiert normalerweise auf die Anwesenheit anderer Person und zeigt entsprechendes Präsenzverhalten.

Online Meetings fühlen sich zunächst an, als ob wir einem Nachrichtensprecher im Fernsehen zusehen und zuhören würden. Wir fühlen uns unbeobachtet und konsumieren lediglich die Information.

In einem Webinar ist der Unterschied ja auch gar nicht besonders groß. Das ist fast wie Fernsehen oder sich ein Youtube Video anzusehen. Wenn die Information nicht fesselnd ist, triften wir ein wenig ab und steigen wieder ein, wenn ein spannendes Stichwort fällt.

Schwieriger wird es, wenn auf einmal eine Interaktion entstehen soll. Wir sitzen immer noch allein im Raum und die Aufmerksamkeit wird von eingehenden Emails oder der Unordnung am Schreibtisch abgelenkt.

Solange wir die einzige Person im Raum sind, fehlt ein wichtiger Part, der die Aufmerksamkeit triggert – die physische Präsenz anderer Menschen. Die Anwesenheit anderer Menschen im Raum macht uns wacher, motiviert uns und regt zur Interaktion an.

Wir scannen nicht-sprachliche Signale der Anwesenden und nehmen ihren Geruch und ihre Wärme wahr. Unser Körper nimmt die gesendeten Signale viel bewusster wahr und gleicht sie mit bekannten Informationen ab. Außerdem reagiert unser Körper durch Präsenzverhalten. Das sympathische Nervensystem wird aktiviert, die Sinne sind geschärft, wir produzieren eventuell Adrenalin und der Fokus liegt auf Interaktion/Außenwirkung und nicht auf internen Prozessen, wie zum Beispiel der Verdauung.

Wir können erkennen, welche Personen uns anziehen und welche uns eher abstoßen. Das passiert ganz automatisch aufgrund der unterbewussten Verarbeitung nonverbaler Informationen.

Und das alles bevor noch ein Wort gesprochen wurde!

In Online Meetings fällt mindestens die Hälfte der nonverbalen Informationen einfach weg oder sie werden durch Bild und Ton verfälscht.

Das verursacht nicht nur Probleme beim Online Dating, es führt auch im beruflichen Kontext oft zu Missverständnissen.

Selbst wenn die Ton- und Bildqualität ausgezeichnet sind, bekommen wir nur einen kleinen Ausschnitt der anderen Personen zu Gesicht. Und das bringt mich zur nächsten Herausforderung.

2. Du siehst nur einen Ausschnitt

Selbst, wenn wir einer Person beim Sprechen direkt in die Augen sehen, nehmen wir peripher viele Informationen über Körperhaltung, -position oder –bewegungen wahr.

Körpersprache ist immer die Summe mehrerer Signale und nie einfach nur ein Ausschnitt einer Person. Kaum ein Signal kann isoliert betrachtet genaue Rückschlüsse auf die Empfindungen einer Person vermitteln. Gesicht, Hände, Beine – alles zusammen formt eine Gesamtbotschaft, die wir interpretieren.

Sehen wir nicht den ganzen Körper, erhalten wir viel weniger Informationen über unsere Gesprächspartner:innen.

Und der kleine Ausschnitt, den wir von den Gesprächspartner:innen letztendlich sehen, ist mitunter völlig unnatürlich und der Winkel entspricht oft nicht dem eines natürlichen Gesprächs. Zum Beispiel wirkt eine Person extrem dominant, weil sie zu hoch über der Kamera thront. Oder wir sehen den Kopf einer Person viel zu groß, wenn sie direkt vor der Kamera sitzt. Unser Kopf muss diese Artefakte erst rausrechnen und sich gegenüber den Fluchtinstinkten (z.B. zurückzuweichen, wenn eine Person zu nah an der Kamera sitzt) durchsetzen.

3. Du bekommst kaum Feedback

Genauso wie dem Nachrichtensprecher, der ohne Publikum in die Kamera spricht und nicht weiß ob ihm jemand folgen kann, geht es auch dir als Sprecher:in in manch einem Online Meeting.

Vielleicht siehst du die Silhouetten der anderen, wenn sie ihre Kamera eingeschalten haben, aber das Feedback auf unsere Worte, dass wir normalerweise durch die Körpersprache der anderen erhalten, ist extrem reduziert. Das verunsichert und gibt uns das unpersönliche Gefühl des Nachrichtensprechers.

Wir müssen also lernen, auf die kleinen Gesten und mimischen Regungen zu achten.

4. Du sieht dich selbst

Beim Versuch eine Reaktion in den Gesichtern der anderen zu erkennen, bleiben wir oft an unserem eigenen Bild hängen. „Wie sehe ich denn heute aus?“ fragen wir uns sofort.

Wir sind nicht daran gewöhnt, ständig unser eigenes Gesicht zu betrachten – schon gar nicht, wenn wir anderen zuhören sollten und noch viel weniger, wenn wir überzeugend präsentieren und Blickkontakt zu anderen halten sollten.

Der eigene Anblick lädt ganz automatisch zur Reflexion oder gar Kritik über das eigene Aussehen und Wirken ein. Es ist faszinierend, sich selbst sprechen zu sehen. Doch schnell findet man etwas, das man an sich auszusetzen hat. Dabei verliert man sehr leicht den Faden und die Zuhörer:innen das Interesse. Außerdem stärkt es meist nicht gerade das Selbstvertrauen.

Zur Übung im Vorfeld eines Vortrags eignet sich eine Videoanalyse perfekt, aber nicht um überzeugend die eigene Botschaft unter die Leute zu bringen.

Manchen hilft es deshalb, nach dem Setup das eigene Bild auszublenden und nur noch die anderen Teilnehmer:innen auf dem Bildschirm zu anzeigen zu lassen.

Es ist und bleibt anstrengend!

Das alles ist sehr anstrengend für unseren Körper. Das nonverbale Feedback trägt maßgeblich zum Selbstvertrauen bei, die physische Anwesenheit anderer hält wach und aufmerksam. Das alles fehlt in einem Online Meeting.

Die aufgezählten Punkte an sich können wir nicht ändern, aber wir können darauf reagieren und

  • einen größeren Bildausschnitt von uns zeigen
  • die Kameraposition anpassen
  • bewusster Gestik und Mimik als Feedback einsetzen
  • Platz für sprachbegleitende Gestik machen
  • die Ablenkungen rund um uns reduzieren (alle anderen Fenster am Computer schließen, etc.)
  • aufmerksamer zuhören und (im Chat) nachfragen.

Schon, dass wir uns dieser Herausforderungen bewusst werden, hilft uns bewusster gegenzusteuern und uns optimal auf das nächste Online Meeting vorzubereiten. Und mit der Zeit gehen wir immer besser mit den Herausforderungen um.

Wie gehst du mit den Herausforderungen eines Online Meetings um? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

Weiterführende Literatur:

Ich sammle schon seit Längerem passende Literatur zum Thema Herausforderungen in Online Meetings, die ich der Reihe nach hier ergänzen werde.

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